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Erziehung: Warum Du froh sein kannst, wenn Dein Kind noch mit Dir streitet. Oder: Warum die Trotzphase nie aufhören sollte!


Trotzphase und Streit sollte nie aufhören... „ICH MACHE, WAS ICH WILL!“ schreit mein Sohn Jannis (6) und strampelt wutentbrannt mit Armen und Beinen, während er versucht, sich aus meinem Klammergriff zu befreien.

Mein Adrenalinpegel steigt, ich atme gepresst.

Wir sind gerade mit dem Umzugslastwagen am neuen Wohnort angekommen und er möchte unbedingt die Hebebühne bedienen, versteht jedoch nicht, wie sie funktioniert.

In zehn Minuten kommen die Umzugshelfer und der LKW soll dann in Position stehen – ich bin total im Stress. So ein Mist! 

Anspannung kriecht in meine Glieder: Ich möchte meinen Jungen nicht neben dem LKW lassen, wenn ich rückwärts fahre. Bilder von meinem unter dem LKW liegenden Kind tauchen in mir auf. Ich will ihn auf jeden Fall in der Fahrerkabine haben, wenn ich rangiere. Ich habe Angst, dass er an der Hebebühne spielt, während ich manövriere und unter die Räder fällt.

Jannis schreit und windet sich wie wild. Das Festhalten strengt mich an und ist genau das Gegenteil von dem, was ich jetzt gebrauchen kann. 

Es ist immer wieder überraschend, dass mein willensstarker Tiger sooooo ausflippt, wenn etwas nicht haargenau so läuft, wie er es sich in den Kopf gesetzt hat.

Das kenne ich auch von anderen Situationen, die Dir sicher bekannt vorkommen:

·      Wenn ich ihm das Brot schmiere, das er gestern noch mochte, ist es heute verkehrt.

·      Er will sein orangenes T-Shirt anziehen, tut es jetzt aber nicht mehr, weil ICH es ihm hingelegt habe und er es doch SELBST hinlegen wollte.

·      Ich habe das Getränk im falschen Glas gebracht.

Es gibt einen Haufen Diagnosen für alles, was uns Eltern nicht gefällt, dann heißt es: „Er ist in der Trotzphase“, oder später ist er dann „aggressiv, weil halt Jungs so sind“, noch später ist er „widerborstig, weil er in die Pubertät kommt“ und anschließend, weil er sich „von seinen Eltern ablösen muss“.

Während meines Studiums als Sozialpädagoge war es ganz interessant, zu lernen, welche „Entwicklungsstufen“ Kinder so durchmachen. Diese ganzen Diagnosen helfen mir im Alltag nicht weiter. Dir etwa?

Warum Diagnosen meist nicht hilfreich sind:   

Zunächst muss man verstehen, wozu Diagnosen gemacht werden: Sie sollen die Situation erklären, ein Urteil fällen und eine „Behandlung“ ermöglichen.

Die meisten Eltern lechzen nach Diagnosen, weil sie dadurch Orientierung bekommen. Das ist absolut sinnvoll, wenn das Kind krank ist, in Konfliktsituationen jedoch ziemlich zerstörerisch.

Eine Diagnose wie: „Aha – du bist immer noch in deiner Trotzphase!“ verhindert meist, dass ich tatsächlich verstehen will, was gerade passiert und eine Lösung suche, die für uns beide wirklich okay ist.

Der Rollentausch: 

Stellen wir uns das umgekehrt vor: Du bist gestresst und schnauzt dein Kind an. „Jetzt ziehe Dir endlich die Schuhe an!“ – mal angenommen, Dein Kind würde Dich anschauen und denken: „Aha – Mama hat gerade ihre Tage! Noch fünf Tage, dann ist sie wieder lieb!“ – Wie wäre das für Dich?

Also wenn ich mal den Kardinalsfehler begangen habe und im Konflikt gefragt habe: „Hast Du gerade Deine Tage?“, ist das noch nicht einmal gut angekommen – die Eskalation war vorprogrammiert!

Für mich gilt: Wenn ich keine Diagnosen möchte, darf ich anderen keine erstellen, auch nicht den Kindern! 

Warum echte Diagnosen doch hilfreich sind: 

Eine Diagnose ist dann sinnvoll, wenn ich wie ein Arzt alle Symptome verstanden habe. Dafür muss ich mir Zeit nehmen und sinnvolle Fragen stellen. Das Kind kann diese Fragen nicht beantworten, weil ihm die Worte fehlen und es mit den aufwallenden Gefühlen beschäftigt ist.

Das geht den meisten Erwachsenen übrigens genauso. Bei Wut, Ärger, Angst oder Hilflosigkeit sind wir in den Gefühlen gefangen und reagieren meist ähnlich sinnlos wie Kinder.

Wenn ich eine passende Diagnose oder Situationsanalyse durchführen möchte, dann muss ich mir in wenigen Sekunden einige Fragen durch meine Intelligenzgarage schieben.

·      Was ist gerade bei Dir los? „Du möchtest die Hebebühne bedienen!“

·      Worum geht es Dir eigentlich? Vermutlich um Selbstbestimmung?

·      Was brauchst Du jetzt im Moment? Vielleicht Verständnis und Zeit?

·      Bin ich in der Lage Dir das zu geben? Nein und dann …

·      Falls nicht: Was kann ich sonst noch tun? Kreativ werden und überlegen.

Ich möchte ein Geständnis ablegen: Trotz und Wut meines Kindes haben sehr viel mit mir selbst zu tun.

Warum Konflikte und Trotz elementar wichtig sind:

Jetzt mal ganz ehrlich: Woher hat mein Kind diese niedrige Frustrationstoleranz? Kann es sein, dass Jannis sich etwas bei mir abgekupfert hat?

Die Wahrheit ist mir etwas unangenehm, denn ich muss diese Frage ehrlicherweise mit „JA!“ beantworten.

Wie oft habe ich meinen Sohn mit einem jähen „Nein!“ in seinem Spielfluss unterbrochen?

Es waren sicher unzählige Male, in denen ich ärgerlich war, ohne einen für ihn verständlichen Grund.

Das Problem ist also nicht mein Kind, sondern dass ich noch nicht gelernt habe, mit meinen Gefühlen konstruktiv umzugehen. So lange ich schnell wütend werde, wird es mein Kind auch.

Sobald ich gelernt habe, mit Wut und Frust sinnvoll und konstruktiv umzugehen, kann ich es vorleben und Jannis wird es automatisch nachmachen.

Damit ich ihm zeigen kann, wie das geht, brauche ich drei Voraussetzungen:

1.     Situationen, in denen er nicht das tut, was ich möchte. Ich brauche Konflikte, um Vorbild sein zu können. (Da brauche ich mir keine Sorgen machen, die wird es automatisch geben.)

2.     Handwerkszeug, was ich konkret tun kann, um mit meinen unangenehmen Gefühlen entspannt umzugehen. 

3.     Eine Strategie, was ich tun werde, wenn ich ihn mal wieder angeschrien habe.   

Fortsetzung der Geschichte: 

Als ich Jannis, gegen seinen Willen in die Fahrerkabine des Umzugslasters gewuchtet hatte, war ich wirklich verzweifelt und tief traurig. Niemals wollte ich meinen Sohn körperlich so hart anfassen.

Verdammt, warum habe ich mir nicht die Zeit genommen, es ihm in Liebe und Ruhe zu erklären? Dieser Gedanke half mir nicht weiter.

Gleich würden die Helfer kommen und ich hatte ein zutiefst frustriertes, weinendes Kind im Arm. Es war an der Zeit, meine Niederlage einzugestehen und mein Scheitern aufzuräumen.

Ich nahm mir zehn Minuten Zeit, um wieder in Verbindung mit meinem schluchzenden Adlerküken zu kommen.

Im Wesentlichen habe ich 5 Dinge getan:

1.     Ich habe ihn vier Minuten schweigend und liebevoll im Arm gehalten. So hat er sich langsam beruhigt.  

2.     In diesen Minuten der Stille habe ich mir die Situation aus seiner Perspektive angesehen: „Er wollte so gerne die Hebebühne bedienen, durch meinen Stress habe ich es ihm versaut! Ich habe ihm nicht zugehört und mir keine Zeit für ihn genommen!“ Aus seiner Sicht bin ich ein echter Scheißvater!

Es ist doch grotesk – ich hätte gerne von ihm Verständnis gehabt, dass es jetzt schnell gehen muss, war jedoch nicht bereit, ihm Verständnis entgegen zu bringen …

3.     Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, habe ich ihm Verständnis gegeben: „Bist Du wütend, weil Du helfen wolltest und eine kurze Erklärung gebraucht hättest, wie die Hebebühne funktioniert?“ Noch immer leise wimmernd nickte er und kuschelte sich tiefer in meinen Arm.

4.     Ich habe mein Bedauern ausgedrückt: „Ich bedaure, dass ich mir nicht die Zeit genommen habe, die Du gebraucht hättest, um zu verstehen, wie die Technik funktioniert und dass ich Dir nicht zugehört habe!“

5.     Lösungsfindung: „Wäre es okay, wenn wir es jetzt erstmal so stehen lassen, Du mit Maria die Verpflegung für die Helfer verteilst und wir heute Abend noch mal sprechen?“ Er stimmte zu.

Anschließend hatten wir einen wunderbaren, reibungslosen Einzug mit heldenhafter Unterstützung meines Sohnes.

Fazit:

Dieser Konflikt hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Konflikte als geniale Lernchancen zu gestalten.

Mein Sohn hat gelernt: Papa ist nicht perfekt, man darf Konflikte haben und sie werden aufgeräumt. 

Jetzt bin ich neugierig:

Greife in die Tasten und schreibe mir einen kurzen Kommentar: Wie gefällt Dir dieser Artikel und welche Konfliktthemen beschäftigen Dich gerade am meisten?

Tassilo
 

  • Helen sagt:

    Hallo Tassilo

    Per Zufall habe ich vor ein paar Tagen deine Website gefunden und ich muss sagen, ich bin wirklich sehr begeistert. Ich habe schon ein paar Texte von dir gelesen und es hat mir schon viel geholfen, mich gerührt, nachdenklich gestimmt und es tut gut, zu merken, man ist nicht alleine mit den Problemen, die es manchmal mit sich bringt, wenn man Kinder hat.
    Schnell kann es passieren, dass man in dieser Negativspirale ist und manchmal ist es nicht einfach, da wieder rauszukommen. Diese wertvollen Tipps helfen ungemein. Herzlichen Dank!

    Liebe Grüsse Helen

    • Tassilo sagt:

      Hallo Helen,
      vielen Dank für deine Resonanz… es freut mich, wenn es Eltern wie dich gibt, die offen sind sich zu entwickeln… voller Freude grüßt
      Tassilo

  • Mager sagt:

    Hallo Tassilo,

    ich denke wir lernen mit jedem Konflikt dazu und es ist gut, wenn man das nötige Handwerkszeug in der Tasche hat.
    Jemand hat mal gesagt,wenn man als einziges Werkzeug nur einen Hammer hat, dann sieht jedes Problem aus wie ein Nagel.

    Danke für deine inspirierenden Worte und deine offene,ehrliche Art mit Konflikten umzugehen.
    Ich lerne immer mehr dazu und freue mich, dass ich in meinem Werkzeugkoffer immer mehr Material finde…

    Herzlichst

    Sigrid

    • Tassilo sagt:

      Liebe Mager,
      vielen Dank für deine Wertschätzung… so macht das schreiben noch mehr Spass!
      lg
      Tassilo

  • Simoen sagt:

    Lieber Tassilo,

    vielen Dank für diese wunderbare Geschichte. Ich gebe zu, mir laufen mal wieder die Tränen vor Rührung. Es ist so wunderbar, deine Ehrlichkeit zu spüren, deine Lösungen zu lesen und auch zu sehen, dass selbst ein Tassilo Peters im wahren Leben übt 🙂 Oh Tassilo, danke danke danke für diesen Blog!

    Alles Liebe, Herzensgrüße
    simone

    • Tassilo sagt:

      Liebe Simone,
      bin auch ganz berührt von deiner Rückmeldung, ich liebe es doch so sehr andere Menschen zu berühren und vielleicht ein wenig zu inspirieren es besser zu machen als ich…
      Herzensgrüße
      Tassilo

  • Astrid Maier sagt:

    Lieber Tassilo,

    ich habe in den großen Ferien meine beiden 10 und 12 jährigen Enkelkinder Lena+Lara für 12 Tage bei mir zu Besuch gehabt. Für jeden Tag habe ich mir ein Programm überlegt! Ich bin an meine Grenzen gestoßen als Lena die Lactose und Fructoseallergie hat und deshalb vieles nicht essen darf häufig bei Dingen, die sie essen darf sagte, das mag ich nicht, das will ich nicht, das ess ich nicht und auch sonst mich an meine Grenzen brachte, da sie sich nicht alleine beschäftigen wollte oder konnte und es unter den Kindern Eifersüchteleien gab!
    Und auch Fynn 5 Jahre, Bernadettes Sohn war bei mir und das Essensproblem aber ohne Allergien wiederholte sich. Und ich habe auch dort intensiv festgestellt, wenn sie unter Zeitdruck stehen, geht häufig nichts mehr!!

    Danke für Deine „Geschichte“ es hat mich sehr an die von Dir mit Deinem Sohn im Keller erinnert „jetzt mach schon endlich das Licht an“!!

    Ich umarme Dich und freue mich wieder was von Dir zu hören!!

    Astrid

    • Tassilo sagt:

      Liebe Astrid,
      vielen Dank für’s teilen… was für eine Freude, zu lesen, dass deine Enkel bei dir waren…
      sei geherzt
      Tassilo

  • Hallo Tassilo,
    deine offene und ehrliche Erzählung hat mich tief berührt! Auch ich arbeite mit Eltern und Kindern – manchmal sind Lernprobleme das Resultat aus vielen Jahren vorangegangener, nicht so reflektierend gelösten (oder eben ungelösten) Konflikten. Als holistischer Lerncoach schaue ich mir die Ursachen der Triggerpunkte an und begleite die Eltern dabei, diese aufzulösen – bewusstes Umgehen mit unseren kleinen Spiegeln (das sind Kinder für mich) ist schon eine große Hilfe in Richtung Harmonie! Dadurch verschwinden jedoch die Auslöser nicht – wenn man langfristig einen harmonischen Umgang miteinander anstrebt, sollte man sich meiner Meinung nach einen fähigen ganzheitlichen Coach suchen, und die Wurzeln des Übels angehen…
    Herzliche Grüße
    Yvonne

    • Tassilo sagt:

      Liebe Yvonne,
      vielen Dank für deine Rückmeldung…
      je ganzheitlicher, desto besser, da stimme ich mit dir überein.
      lg
      Tassilo

  • Hi Tassilo,

    den Gedanken mit den Diagnosen find ich echt interessant und einleuchtend – den werde ich mir merken! Auch ich neige dazu welche zu finden 🙂

    LG von Elischeba

    • Tassilo sagt:

      Hey Elischeba,
      ja man muss echt aufpassen wie eine Schießhündin, damit die vorschnellen Diagnosen nicht unnötige Konflikte auslösen…
      Beste Grüße
      Tassilo

  • gunhild sagt:

    Wunderbar, der Prozess. Sehr anschaulich und relativ leicht, es selbst so zu machen.
    Danke!

    Gunhild

    • Tassilo sagt:

      Hey Gunhild,
      so schön, von dir zu lesen, ich freue mich über deine Rückmeldung, vielleicht bis bald,
      lg
      Tassilo

  • Regine sagt:

    Lieber Tassilo,
    vielen Dank ! Genau das hat es gebraucht und ich glaube nicht nur für mich
    sondern für viele andere Mamas, die mir solche Situationen erzählen.
    Danke, dass Du Dir so viel Zeit genommen hast und Mühe gemacht, dieses Erlebnis
    haarklein aufzuschreiben, denn aus Beispielen lernt man immer noch am allerbesten, finde ich. Danke für Deinen Mut und dass du uns teilhaben lässt!
    Alles Liebe,
    Regine

    • Tassilo sagt:

      Liebe Regine,
      vielen Dank für die Wertschätzung – ich trage sooo gerne zu mehr Leichtigkeit und Liebe bei – auf dass ihr es euch leichter macht, als ich… lg Tassilo

  • Ivo sagt:

    Lieber Tassilo,
    schön von dir zu hören, auch wenn du jetzt so weit weg bist.
    Wie immer ein Tassilo…schmunzeln, lächeln, staunen… Man kann was daraus lernen. Ich verstehe es im Moment sehr gut meine jetzige Mitte zu halten. Allerdings gibt es auch bei uns solche Situationen, nicht alles wird aufgelöst, aber wir sind die Eltern, sie die Kinder. Fehler mache ich und ich kann mich auch entschuldigen, wenn ich gerade kein Verständnis hatte. Allerdings denke ich, dass die Kinder ihre Bedürfnisse haben und manchmal einfach noch nicht verstehen müssen, wie komplex das gesamte Leben ist. Papa hat gerade viel Stress, da er so viele Dinge koordinieren muss, er muss ein fremdes Auto fahren, er muss mehrere Dinge, Termine und Personen unter einen Hut bringen……Das ist unsere Erwachsenenwelt. Ein kleiner Knopf muss manchmal auch einfach weichen und kann nicht all seinen Bedürfnissen nachgehen.

    Ivo

    • Tassilo sagt:

      Hi Ivo,
      du schreibst: „…ein kleiner Kopf muss weichen… !“
      Es wäre spannend dahinter zu sehen… insgesamt stimmen wir überein, dass er nicht alles verstehen und wissen muss, das würde ihn überfordern.
      Mir ist es jedoch wichtig meine Anliegen zu prüfen. Wenn mir Verbindung und Vorbildsein wichtig sind, dann würde ich am liebsten mit ein paar Minuten Zeit meinem Sohn zuhören und anschließend selbst gehört werden. Bei ihm soll ankommen: Ich bin meinem Vater wichtig, der hört mir zu und versucht mich zu verstehen… Deshalb nehme ich mir lieber 3 Min. Zeit für ein Gespräch statt 20 Min. Stress pur!

  • Albatros sagt:

    Lieber Tassilo
    ich bin scheisswütend im Moment. Dieser Text ist genau das, was ich jetzt gebraucht habe. Super gemacht!
    Danke für die Tipp’s Tassilo.
    Liebe Grüsse S.

    • Tassilo sagt:

      Liebe Albatros,
      ja, Wut ist ein spannender Zustand, der mir erlaubt ganz zu mir selbst zu kommen. Ich freue mich, wenn dich mein Artikel inspiriert hat… lg Tassilo

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