Der Friedensstock (Teil 1) – Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern leben!

Ein Interview von Suki Klohn mit Tassilo Peters

Überall, wo Menschen zusammen leben und arbeiten, entstehen Konflikte. Sobald Kinder dazukommen, wird es noch komplizierter. Kinder haben ihren völlig eigenen Kopf und ticken ganz anders als wir Erwachsenen. Zahlreiche Termine, Kindergarten, Schule, Haushalt und weniger Zeit für Schlaf oder andere Dinge, die uns Kraft geben, machen den Alltag zusätzlich zu einer Herausforderung.

Trotzdem haben wir die Erwartung an uns selbst, liebevolle und vorbildliche Eltern, Pädagogen oder Pädagoginnen zu sein, und machen uns entsprechend Druck. Das scheitert dann oft an den vielen Alltagsherausforderungen: Anstatt liebevoll und wertschätzend zu sein, schreien wir die Kinder an, sagen ihnen, wie sie zu sein haben, machen ihnen Vorwürfe und zwingen sie dazu, unsere Erwartungen zu erfüllen. Wenn sie nicht tun, was wir wollen, setzen wir uns oft mit Gewalt durch, denn wir sind die Stärkeren. Gewalt findet dabei nicht immer auf körperlicher Ebene statt. Überall da, wo die eigenen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Kinder durchgesetzt werden, üben wir Gewalt über sie aus. Und das geschieht in den meisten Familien mehrmals täglich.

Danach sind wir voller Schmerz, weil wir es nicht geschafft haben, die Eltern oder PädagogInnen zu sein, die wir uns für die Kinder wünschen würden. Wir wollen doch, dass die Kinder von uns lernen, wertschätzend und empathisch, respektvoll und bestimmt zu sein und wie sie später mal eigenständig auf konstruktive Weise mit Konflikten umgehen können. Wir haben vielleicht gar keine Vorstellung davon, wie wir das erreichen können, da wir nicht oder nicht ausreichend gelernt haben, förderlich und wertschätzend mit Konflikten umzugehen.

Stattdessen lernen die Kinder unsere destruktiven Verhaltensweisen und werden sich anderen gegenüber oft genauso verhalten. Sie setzen sich dann mit Gewalt über ihre Geschwister oder andere Kinder hinweg, ignorieren die Bedürfnisse anderer Menschen und schreien, um ihre Wünsche durchzusetzen.

Um das Muster zu durchbrechen, haben wir vielleicht GFK-Seminare, Vorträge oder Workshops besucht, Bücher gelesen und versucht, uns anzueignen, was wir verändern können. Und doch gelingt es uns einfach nicht, dieses Wissen konsequent in den Alltag umzusetzen und uns in schwierigen Situationen daran zu erinnern, wie wir uns eigentlich gerne verhalten wollen.

Wie also können wir unser Wissen über Gewaltfreie Kommunikation und Erziehung im Alltag umsetzen? Wie können wir unseren Kindern wirklich vermitteln und zeigen, wie sie respektvoll, liebevoll und gleichzeitig bestimmt in Verbindung bleiben können, wenn ihnen etwas nicht passt?

Dazu habe ich am 28.11. den GFK-Trainer Tassilo Peters befragt. Er hat selbst drei kleine Kinder und zusätzlich viel Praxiserfahrung im Umgang mit Kindern im Kindergartenumfeld: er hat einen Waldkindergarten auf Basis der Gewaltfreien Kommunikation mitgegründet, dort auch über 600 Stunden gearbeitet und zahlreiche Eltern und ErzieherInnen in GFK geschult.

Suki: Hallo, Tassilo! Ich möchte Dich zu einem Problem befragen, das ich und viele andere GFK-Lernende im Umgang mit Kindern haben. Eine Menge Eltern und PädagogInnen, die sich bereits mit GFK beschäftigt haben, schaffen es trotzdem nicht, das Gelernte mit ihren Kindern umzusetzen. Oft sind Konflikte mit Kindern einfach hochemotional, laut, anstrengend und es ist schwer, dann die GFK zu leben.

Und selbst wenn, habe ich den Eindruck, die Kindern verstehen es vielleicht gar nicht, da es einfach zu kompliziert ist! Oder sie zucken nur die Schultern, verschränken die Arme und hören nicht einmal zu. Sie haben keine Lust, den Konflikt zu klären.

Wieso ist das so schwer und was kann ich tun, damit es mir leichter fällt, GFK anzuwenden und das Kind kooperativ zu stimmen?

Tassilo: Dieses Problem kenne ich voll und ganz. So ging es mir mit der GFK auch. Bei Freunden gelte ich normalerweise als

 absoluter Umsetzungsjunkie, also jemand, der etwas liest und dann sofort in die Umsetzung und das Ausprobieren geht.  Aber bei der GFK haben ich es nicht geschafft und war wirklich verzweifelt. Warum gelingt mir das nicht?, habe ich mich dann gefragt. Letztendlich haben verschiedene Probleme dazu geführt, dass ich nicht in die Umsetzung gekommen bin. Der erste Schritt ist ja zunächst mal, sein eigenes Reiz-Reaktionsmuster zu durchbrechen. Wenn man daran nicht denkt, kann man nicht anders als sonst reagieren. Das hab ich oft nicht geschafft. Und dann hat mir auch einfach eine ständige Erinnerung gefehlt. Etwas, das Halt gibt und mich immer wieder darauf aufmerksam macht, wie ich reagieren möchte. Auch, es meinen Kindern verständlich zu machen, war etwas, was mir nicht gelungen ist.

Ich habe dann nach Möglichkeiten gesucht, wie sich diese Schwierigkeiten lösen lassen. Unter anderem hatte ich Gefühlskärtchen und ähnliche Tools. Da war aber das Problem, dass sie unpraktisch waren, nicht greifbar. Daraufhin habe ich mir dann Gedanken dazu gemacht und überlegt, wie das praktischer geht. Und so habe ich den Friedensstock entwickelt.

So sieht er aus –>

Sind das die vier Schritte der GFK, die da in den Kreisen abgebildet sind?

Genau, das sind die vier Schritte der GFK und noch ein fünfter Schritt. Zunächst sind im ersten Kreis Wahrnehmungen abgebildet: Was hat das Kind gesehen, was hat es gehört, gefühlt oder gesagt? Je nachdem, was für ein Anliegen das Kind eben hat. In dem Moment, wo die Kinder, die gerade total gestresst oder in ihrem Schmerz sind, und die Fantasie haben, der andere ist Schuld, sich rächen wollen und in der Wut sind, kriegen sie nur Interpretationen zusammen. Aber wenn sie dann ihren Blick auf das Bild richten, kann ihr Auge sich ausruhen auf dieser Zeichnung und dann gehen sie wie von der inneren Gefühlsspirale nach außen, halten sich mit den Augen an den Bildern fest und können besser differenzieren. „Ich hab gesehen, wie der zu mir gekommen ist und mir mein Spielzeug weggenommen hat!“ Das ist die Wahrnehmung. Vielleicht brauchen sie Hilfe dabei, dann fragt man nach, bis klar ist, was die interpretationsfreie Wahrnehmung ist.

Anschließend kommen wir zu den Gefühlen, dann frage ich: „Und wie ging’s dir denn dabei?“ Vielleicht zeige ich auf eines der Gefühle und vermute es. Die vier Grundgefühle (Freude, Wut, Trauer und Angst) und noch ein paar andere, die häufig vorkommen, sind in dem zweiten Kreis abgebildet. Somit lernt das Kind. Es kann auf ein Gefühlsbild zeigen, auch wenn es das Gefühl noch nicht lesen oder benennen kann. „So!“, sagt es dann vielleicht am Anfang noch und zeigt einfach drauf. „Bist du wütend?“ „JA!“

Dann geht es weiter zum Bedürfnis: „Aha, und wie möchtest du denn gerne behandelt werden? Bist du wütend, weil du …“ und dann mache ich einen Vorschlag, was ich so erahne und zeige dabei auf das Bedürfnisbild. Du sieht ja, hier sind eine Menge Zeichnungen, sie dienen in erster Linie den Erwachsenen, damit sie ein Bedürfnisvokabular aufbauen, um Kinder besser begleiten zu können. Es gibt ein paar, die häufiger genannt werden: Ich möchte liebevoll, wertschätzend, achtsam behandelt werden, sicher sein, ich möchte Rücksichtnahme, Sachen alleine machen, mich abgrenzen dürfen, ich möchte, dass sich alle wohlfühlen etc.

Und wenn wir das Bedürfnis gefunden haben, kommt die konkrete Bitte. Und das ist eine absolute Kunst, weil wir so sehr gewohnt sind, negative Bitten zu stellen. „Ich möchte nicht, dass du hier spielst.“, „Schrei bitte nicht!“ oder „Ich möchte dass du nicht mehr haust.“ Dabei geht es mir um die Bereitschaft, eine sinnvollere Strategie zu finden: „Bist du bereit, statt zu hauen, zu sagen: Wenn ich etwas brauche, frage ich vorher?“ usw. Die Kinder sagen in der Regel: „Ja.“ Mir ist es wichtig, dass sie es nochmal in eigenen Worten sagen oder nachsprechen, um ihr Verhaltensmuster zu erweitern.

In dem Moment wo sie es nachsprechen, könnte man meinen, es sei nicht authentisch. Das stimmt nicht. Es wirkt, indem sie es selbst tun. Sie sprechen Worte, die sie sonst nie sagen würden, üben also neue Formulierungen ein und merken: Es hat gar nicht wehgetan, diese Worte zu sagen, im Gegenteil!

Das klingt sehr anschaulich. Und was ist mit dem fünften Bild ganz unten?

Der letzte Schritt ist sehr wichtig. Es geht darum, gemeinsam zu feiern! Wenn ein Konflikt gelöst wurde, wird gefeiert. In welcher Form auch immer. Eine Möglichkeit bietet der Stock selbst. Denn man bekommt zu dem Stock ein Baumwollsäckchen mit Schnüren, von denen immer eins um den Ast des Friedensstocks geknotet wird, nachdem ein Konflikt gelöst wurde. Also als letzten Schritt könnte man gemeinsam ein Bändchen nehmen und es an den Ast binden, als Wertschätzung und um stolz zu zeigen: Wir haben einen Konflikt gelöst! Juhu!

Warum ist das Feiern denn so wichtig?

Viele Kinder sind sehr negativ eingestellt, was Konfliktklärung angeht, weil sie gelernt haben, dass es strafend zugeht, dass sie geschimpft werden, dass man sich über sie hinwegsetzt. Deshalb ist das Feiern so wichtig: Sie sollen stolz darauf werden, ihre Konflikte positiv zu lösen und mit Freude sehen, dass sie es geschafft haben und es gar nicht schlimm war. Sie können dann auch zu ihren Eltern gehen und sagen: „Mama, Papa, ich hab heute einen Knoten gemacht!“ Oft sage ich beim Abholen ganz wertschätzend zu den Kindergarteneltern: Heute haben wir mit eurem Kind einen Konflikt gehabt und haben ihn geklärt. Es war sehr berührend und bin total froh, dass es so gelungen ist und euer Kind bereit dazu war. So spürt das Kind auch, da ist wirklich etwas Besonderes und Schönes dabei.

Was für Voraussetzungen brauche ich, um den Friedensstock mit Kindern zu benutzen? Muss ich dafür eine pädagogische Ausbildung haben oder gar GFK-Profi sein?

(Tassilo lacht)

Nein, ganz und gar nicht. Es gibt allerdings einige Voraussetzungen, die ich sinnvoll finde, aber man braucht wirklich kein Profi sein.

Ein GFK Vortrag und ein GFK Buch sind eine ausreichende Minimalbasis. Die Grundhaltung der GFK, die vier Schritte und die vier Ohren sind eine Grundvoraussetzung für die Benutzung des Friedensstocks. Sprich, es ist wichtig, die vier Schritte und ihre Unterscheidungen klar und deutlich vor Augen haben:

–       Wahrnehmung – Interpretation

–       Gefühl – Pseudogefühl

–       Bedürfnis – Strategie

–       Bitte – Forderung. Genauer: Was sind aussichtsreiche Bitten eigentlich?

Und dann braucht man ein klares Ziel vor Augen. Ist mein Ziel, dass die Kinder machen, was ich will? Dann sind weder GFK noch der Friedensstock der sinnvolle Weg. Was ist aber das Ziel? Wissenschaftliche Untersuchungen haben festgestellt: Am sinnvollsten ist es, wenn es in pädagogischen Zusammenhängen keine Angst gibt – also auch zuhause nicht. Wenn Menschen keine Angst vor Strafe, Schimpfen usw. haben, sondern wenn sie Vertrauen haben, dass sie gehört und verstanden werden, dann werden sie kooperativ, helfen, lernen und unterstützen gerne. Das heißt, das Ziel ist es, in Verbindung zu kommen, in einen echten Dialog.

Also ich brauche Grundwissen um die vier Schritte und die Haltung der GFK und das Ziel, mit dem Kind in Verbindung zu kommen. Und dann kann ich den Friedensstock direkt einsetzen?

Ja! Der Friedensstock hilft vor allem auch, dranzubleiben: Er ist etwas für absolute Nicht-Profis, sondern für GFK-Fans, die Lust haben, sie in den Alltag zu bringen und bisher noch mit vier Schritte Karten gearbeitet haben, mit Bedürfnis und Gefühlskärtchen, aber mit diesen nicht wirklich zurecht kamen, weil sie rumliegen und nicht auf einen Blick sichtbar sind. Der Stock steht da und man hat alles auf einen Blick.

Ich kenne zum Beispiel einen Vater, der einmal auf einem zweistündigen GFK-Vortrag von mir war und ein GFK Buch gelesen hat. Er er benutzt den Friedensstock sehr erfolgreich. Seitdem er den Friedensstock benutzt sind die Lösungen viel nachhaltiger. Wendet er ihn immer so an wie ich? Nein, das ist auch nicht notwendig. Denn er macht seine Erfahrung und lernt immer dazu! Alle, die den Friedensstock anwenden, können mir bei Schwierigkeiten auch stets Fragen dazu stellen! (LINK)

Kannst du mir denn mal ein Beispiel geben, damit ich mir besser vorstellen kann, wie der Einsatz des Friedensstocks genau aussehen könnte?

Na klar, hast du eine Situation, zu der ich ein Beispiel machen soll?

Ja, sagen wir mal: Ich sitze im Wohnzimmer auf der Couch und will mich entspannen, hab das meinem Kind gesagt und es setzt sich in meine Nähe und spielt mit seinem Spielzeugbagger. Es schlägt das Spielzeug auf den Boden, sodass es sehr laut ist. Und nun? Ist das eine Situation für den Friedensstock?

Ja, dafür ist der Friedensstock geeignet. Ich nehme den Friedensstock, gehe zum Kind und sage: “Kurze Besprechung ja?” Wenn es positive Erfahrung gemacht hat, kommt dann so etwas wie: “Ja, was denn?“ Dann gehe ich die vier Schritte durch und während des Sprechens zeige ich auf die jeweiligen Bilder auf dem Friedensstock.

„Ich sehe gerade, wie du deinen Bagger auf den Boden schlägst und das ist ganz schön laut. (Wahrnehmung)

Ich hab da richtig Schmerzen in den Ohren und fühl mich unruhig. (Gefühl)

Weil ich total gerne Ruhe hätte. (Bedürfnis)

Ich möchte eine Lösung finden, die für uns beide okay ist. Machst du mit?“ (Bitte)

„Hmmmm.“ Würde das Kind vielleicht sagen. „Ich will jetzt noch Krach machen und spielen!“

Bisher war ich in der Aufrichtigkeit, nun ist Empathie gefragt:

„Du willst noch ein bisschen Krach machen? Gut dass du sagst, was du möchtest. Spielst du gerade voller Freude? Magst du gerade selber bestimmen, was du spielst und wie du das machst? Wärst du auch bereit, einen Weg zu finden, der für uns beide okay ist?“

Möglicherweise kommt jetzt ein vorsichtiges “Jaaaaa.”

Wenn ich mit dem Kind in Verbindung bin, würde ich versuchen, mich an die Lösung heranzutasten: „Wärst du bereit in deinem Zimmer aufs Bett zu hauen? Wäre das genauso gut?“

Und so kann man dann herausfinden, worum es dem Kind geht und was es gerne bereit ist zu tun, sodass alle zufrieden sind. Manchmal braucht es ein paar Versuche und etwas Kreativität, bis eine Bitte gefunden wird, die für alle passt.

Und am Ende wird natürlich gefeiert. High five, dann Knoten wir eine Schnur an den Stock!

Das klingt ja sehr harmonisch und scheint mir eher ein Idealfall, oder? Was ist denn, wenn das Kind überhaupt keine Lust hat auf Konfliktklärung, sprich: nicht zuhört, nur die Arme verschränkt und die Schultern zuckt?

Naja, du hast einen Stock in der Hand. Das Kind hat keine Waffen! (lacht)

Kleiner Scherz am Rande. Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne mal zu Scherzen neige. Spaß gehört im Leben schließlich dazu!

Also, es kommt natürlich darauf an, wie viel Kooperationserfahrung das Kind hat. Dabei geht es darum, wie gut man in Verbindung ist. Meine Erfahrung ist, dass Kinder bei guter Verbindung auch eine hohe Bereitschaft haben, zu kooperieren.

Oft möchten Kinder Konflikte nicht klären und dafür haben sie – wie für alles – gute Gründe! Das heißt, wenn sich ein Kind sich bei der Konfliktklärung verweigert, dann steht auch da ein Gefühl und ein Bedürfnis dahinter. Meine Vermutung ist, dass du oder auch jemand anders aktiv dazu beigetragen hat, dass das Kind keine Konflikte klären will. Weil es Angst hat, geschimpft zu werden. Weil es die Erfahrung gemacht hat, es wird nicht gehört Weil es denkt, du willst dich sowieso nur durchsetzen.

Und es braucht Geduld und Hartnäckigkeit, um nach solchen Erfahrungen das Vertrauen zu erlangen.

Das hört sich logisch an. Und wie kriege ich das Vertrauen wieder hin?

Als Erstes könntest du Empathie geben und sagen: „Vielleicht hast du Sorge, dass ich dich schimpfe?“ Und dann versuchen, dem Kind begreiflich zu machen, dass du das nicht vorhast: „Auf keinen Fall werde ich das tun! Teste mich! Und falls ich doch schimpfe oder der Tonfall unangenehm wird, sagst du sofort STOPP, o.k.?“

Also bevor du versuchst, Angebote zu machen, erst mal vorsichtig Vertrauen aufbauen.

Vielleicht hat das Kind jetzt gerade keine Lust, weil es spielen will und Leichtigkeit braucht und gerade nicht diese Schwere haben mag. Dann könnte man überlegen: ist es notwendig, den Konflikt sofort zu klären oder ist es später noch in Ordnung?

Meistens ist das kein Problem. Nur bei Einsatz von schützender Gewalt würde ich das nicht machen. Also wenn ein Kind ein anderes schlägt, kann ich nicht sagen, ich mache es am nächsten Morgen, da so lange vom anderen Kind der Sicherheitslevel niedrig ist. In dem Fall würde ich sagen: Wenn es dem Schutz dient, dann wird geklärt.

Möglicherweise braucht das Kind erst einen Moment, um sich zu beruhigen (oder auch zehn Minuten). Dann in der Hitze der Emotion an eine Klärung zu gehen, wäre nicht förderlich. Da wäre es sinnvoll zu sagen: Wir machen das später, ist voll okay, aber so lange bleibst du bei mir oder ihr spielt getrennt. Einfach zur Sicherheit aller, nicht aus Strafe.

Gerade wenn ein Kind was tut, was die Sicherheit eines anderen Kindes einschränkt, es haut, beschimpft etc., dann haben die „Täter“ keine Wahl, ob sie es klären oder nicht. Ich würde dann so etwas sagen wie: „Wenn du das nicht klärst, hab ich kein Vertrauen, dass es nicht gleich wieder passiert.“ und es mit dieser Begründung an meiner Seite behalten. Das ist für manche Kinder eine interessante Erfahrung. Sie kennen Strafen, aber nicht den schützenden Einsatz von Macht.

Der Unterschied ist: Ich bin dann nicht wütend oder strafend, ich werte es nicht ab, ich denke nicht, es sei ja selbst schuld. Ich möchte es gerne verstehen, was dazu geführt hat. Die Grundhaltung ist also entscheidend. Es ein enormer Unterschied, wenn das Kind merkt, es wird nicht verurteilt für sein Verhalten, sondern es geht darum, dass sich alle wohlfühlen, auch es selbst. Und wenn es umgekehrt wäre, würde ich mich genauso einsetzen. Alle werden ernst genommen, auch die „Täter“.

Wenn sie das ein paar Mal erlebt haben, reicht das auf jeden Fall, um Vertrauen aufzubauen.

Reicht nicht einfach, wenn sich die Kinder beieinander entschuldigen? Das ist doch viel einfacher und schneller.

Solange die Kinder nichts Anderes kennen, werden sie sagen, Entschuldigen reicht. Es wird sogar sehr wahrscheinlich so sein, dass schlaue Kinder versuchen, sich mit Entschuldigungen freizukaufen, weil sie den Konflikt nicht klären wollen. Sie wollen keine Schuldzuweisung und die Zeit nicht investieren. Meistens sind Konfliktklärungen negativ behaftet. Deshalb kaufen sie sich frei.

Wenn ich das sehe, blutet mir das Herz. Weil ich kein Vertrauen habe, dass die Kinder auf diese Weise wirklich lernen, Konflikte zu lösen. Sie lernen nicht, über ihre Gefühle zu sprechen, ihre Bedürfnisse zu äußern und dann konstruktiv nach sinnvollen Lösungsansätzen zu suchen, damit sie sich in späteren Situationen anders verhalten können. All das fehlt bei einer heruntergebeteten, meist nicht einmal ernst gemeinten „Entschuldigung“, die wirklich nur dazu dient, sich wörtlich zu ent-SCHULD-igen, also von der Schuld freizusprechen.

Natürlich ist das einfacher. Genauso wie es einfach ist, manchmal einfach wegzuschauen, wie ich es leider schon häufiger bei Eltern oder Pädagogen und Pädagoginnen beobachtet habe. „So sind halt Kinder!“, „War doch gar nicht schlimm.“ oder „Da brauche ich jetzt kein großes Fass aufmachen!“ sind gerne genutzte Aussagen, die mich traurig stimmen.

Gerade, wenn es um den Schutz von Kindern geht, habe ich eine sehr niedrige Toleranzgrenze, fast gegen Null! Wenn ein Kind beschimpft oder gehauen wird, schaue ich nicht weg! Da wird sofort eingeschritten, so schnell können sie oft gar nicht gucken! Und noch einmal: das mache ich nicht, um sie zu bestrafen, sondern ich möchte, dass der Sicherheitslevel der Gruppe steigt. Vor allem möchte ich, dass die Kinder alternative Strategien entwickeln, um für die Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse zu sorgen. Und dafür brauchen wir viele Konflikte. Jedes Mal, wenn ein Konflikt ignoriert oder einfach weggewischt wird, könnte man stattdessen mit dem Kind in Verbindung gehen und ihm alternative Strategien anbieten, die konstruktiv und kreativ sind, und dem Kind wichtige Fähigkeiten und Werte vermitteln, die es sein ganzes Leben lang brauchen wird!

Vorhin hatten wir ein Beispiel für einen Konflikt zwischen Erwachsenem und Kind. Gerade ging es eher um die Situation, dass ein Kind ein anderes haut. Kannst du da noch ein Beispiel machen, wie ich als Kindergärtnerin nun mit dem Friedensstock klären könnte?

Gerne! Also stellen wir uns vor, ein Janine (5) haut Tim (4) im Sandkasten. Tim kommt zu mir gerannt und sagt: „Janine hat mich gehauen!“. So, nun ich das Gespräch zu Dritt aufsuchen. Wenn das Mädchen nicht bereit ist, den Konflikt zu klären, obwohl ich ihr die Situation geschildert habe, nehme ich es beiseite. Es ist dann vermutlich irritiert und wird vielleicht sagen:

Janine: „Ich wollte ihn doch nur ein bisschen ärgern“

Dann würde ich nachfragen, das könnte dann so ablaufen:

Ich: „Warum denn? Wolltest du mitspielen?“

Janine: „Ja!“

Ich: „Hast du ihm das gesagt?“

Janine: „Nein.“

Ich: „Magst du mal versuchen, es zu sagen?“

Janine: „Ich will auch mitspielen!“

Tim: „NEIN!”

Ich: (In Gedanken: Toll, schon wieder ein Konflikt. Wie genial). „Okay, Du sagst nein, ist okay für mich! Jetzt würde ich nur gerne verstehen, willst du gerade alleine spielen?“ und dabei zeige ich auf die Bedürfnisse auf dem Friedensstock. „Oder hat Janine etwas gemacht, wo Du keine Lust hast, dass sie das wieder macht? Hat es was mit ihr zu tun? Dann wäre es sinnvoll, sie wüsste es.“

Tim: „Die will immer Bestimmerin sein.“

Ich: (Das ist keine Wahrnehmung, also frage ich nach, auch wieder mithilfe des Friedensstocks): „An was erinnerst du dich denn? Was hat sie gesagt oder getan?”

Tim: „Ja vorhin hat sie gesagt, ich soll auf dem Bauch liegen, dann krabbeln, die sagt immer, was ich machen soll.“

Ich: „Oh, sie hat also gesagt, du sollst auf dem Bauch liegen und krabbeln. Wie ging’s dir denn dabei?“

Tim: „So“, sagt er und zeigt auf das Ärgerbild auf dem Friedensstock.

Ich: „Ärgerlich? Wie möchtest du denn behandelt werden? Möchtest du gerne gleichberechtigt spielen?“

Tim: „Ich will auch mal Chef sein!“

Ich: „Janine, Tim mag auch mal der Chef sein. Jetzt wo du das weißt, wärst du bereit, auch mal zu fragen, ob er

 der Chef sein will?“

Janine: „Na gut!“

Ich: „Tim, willst du das mal ausprobieren? Wenn es nicht klappt, können wir ja immer noch eine andere Lösung finden.“

Tim: „Okay, was willst du sein, Janine?“

Ich: „Vielen Dank, dass ihr bereit wart, kurz zu klären, (High five) wer macht einen Knoten?”

Wichtig ist, dass sie gemerkt haben: Es gibt eine nachhaltige Lösung. Wenn ich meine Bedürfnisse äußere, dann werde ich gehört. Und wenn jemand Nein sagt, fängt die Verhandlung an.

Gibt es Fälle, wo keine Lösung gefunden wird?

Natürlich. Stellen wir uns die Situation anders vor: Tim will einfach nicht mit Janine spielen. Wir tun unser Bestes, gehen einige Male die vier Schritte durch, und versuchen, eine Möglichkeit zu finden, die für alle o.k. ist. Trotzdem findet sich einfach keine Lösung.

Janine leidet, sie ist traurig. Dann kommt ein Punkt, der mir sehr wichtig ist: Umgang mit Trauer und Schmerz! Wenn Janine leidet, bekommt sie erst mal viel Empathie. „Bist du traurig? Und enttäuscht?“ Wir wollen dem Gefühl Raum geben, es deutlich machen: „Wo spürst du denn die Trauer? Im Bauch? Im Hals?“

Ich möchte das Kind bei seinem Gefühl sein lassen, anstatt es davon abzulenken. Es soll seine Gefühle spüren, auch unangenehme, statt Angst vor ihnen zu entwickeln. Und dann begleite ich das Kind und es darf Trauer, Schmerz oder Wut deutlich zeigen. Es ist nicht allein.

Und zu Tim würde ich sagen: „Danke für die Klarheit. Und danke für die Bereitschaft, an der Stelle zu schauen, ob wir eine Lösung finden. Ich sehe, wir finden keine, kann ich auch verstehen.“ Es ist wichtig, auch Wertschätzung dafür zu geben, wenn keine Lösung gefunden wird, solange alle bereit waren, sich den Konflikt anzusehen und verschiedene Möglichkeiten anzuschauen.

Wie vorhin gesagt, ist das ein wichtiger Teil der Grundeinstellung: Erfolg ist nicht, wenn man eine Lösung gefunden hat oder sich Kinder auf eine bestimmte Weise verhalten, sondern wenn die Kinder bereit waren, sich der Konfliktlösung zu stellen und man mit ihnen oder sie miteinander in Verbindung gekommen sind!

Ende des 1. Teils

Für alle, die mehr über den Friedensstock erfahren wollen, gibt es nächste Woche den zweiten Teil des Interviews. Falls Du benachrichtigt werden willst, kannst Du Dich hier in den Mailverteiler für Gewaltfreie Blogartikel eintragen: Hier rechts in der Seitenbar.

Im zweiten Teil werde ich Tassilo unter anderem zu diesen Themen befragen:

–       Wie ist die Idee für den Friedensstock entstanden?

–       Für welches Alter eignet sich der Friedensstock?

–       Wenn wir die vier Schritte abklappern – wo bleibt da die Haltung?

–       Was ist das Besondere am Friedensstock?

–       Wo sind seine Grenzen?

–       Wo und wie ist der Friedensstock bereits im Einsatz

Wenn Du den Friedensstock ausprobieren möchtest, gelangst Du hier zur Bestellseite

Hast Du noch weitere Fragen, die ich Tassilo zum Friedensstock stellen soll? Oder hast Du Erfahrungen, Anregungen und Ideen, die Du mit uns teilen magst? Dann schreib’ doch gerne einen Kommentar! Wir freuen uns immer über Feedback!

Hier geht es zum 2. Teil: Der Friedensstock (Teil 2) – Vorteile und Grenzen!

Eure Suki

Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir uns nur von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein. – Christian Morgenstern

Tassilo
 

>