„Trotzphase“ – Ein gefährlicher Begriff

Die meisten Eltern mit Kindern ab 2 Jahren kennen Situationen wie diese:
Noch schnell für das Abendessen im nahegelegenen Supermarkt einkaufen – das Kind an der Hand. Die Werbung lockt und das Kind zieht aus dem Regal etwas, das es unbedingt haben will. Man möchte dem Kind seinen Wunsch nicht erfüllen, aus welchem Grund auch immer, und schon geht es los. Zuerst wird die Stimme des Kindes lauter, flehend, jammernd.  


Es reißt den Artikel vielleicht an sich oder macht verzweifelte Bewegungen, die an unmotivierte Kniebeugen erinnern. Erklärungen, Begründungen, Strenge, Flehen – nichts hilft, um das Kind von seinem Wunsch abzubringen. 

Irgendwann ist es soweit: Die Situation eskaliert. Das Kind schreit aus vollem Halse, weint bittere Tränen der Enttäuschung und wirft sich schwungvoll auf den Boden oder rennt einen Halbmarathon durch den Supermarkt. Was man auch versucht, es lässt sich nicht beruhigen. Selbst die ruhigste und verständnisvollste Reaktion bringt kein baldiges Abklingen, es scheint kein Ende zu nehmen – die Wut, die Enttäuschung und der Frust sind so übermächtig, dass das Kind sich nicht trösten lässt.

Für Eltern bedeuten solche Situationen eine enorme Hilflosigkeit. Viele Menschen schämen sich auch für das Verhalten der Kinder und haben Angst, von anderen als „schlechte Eltern“ angesehen zu werden oder sonstigen Abwertungen von außen ausgesetzt zu sein. Vielleicht gesellt sich auch noch die Schuld hinzu, die sich aus Gedanken nährt wie „Was hab ich falsch gemacht, dass mein Kind sich so verhält?“. Oder wir werden wütend, weil wir den Anlass des Ausrasters als so banal empfinden, dass wir die Reaktion des Kindes einfach nicht nachvollziehen können – „wegen so einer Lappalie, total übertrieben!“

Warum der Stempel „Trotzphase“ gefährlich sein kann 

Das vermehrte Auftreten solcher kindlicher Reaktion nennen die meisten „Trotzphase“.  Doch Achtung, dieser Ausspruch birgt eine große Gefahr!

Wenn wir dieses Verhalten stigmatisieren und mit diesem Stempel versehen, tendieren wir dazu, den Blick für die individuellen Situationen und Nöte des Kindes zu verlieren. Wenn wir einen Ausraster des Kindes mit dem Gedanken „Das ist eben die Trotzphase“ abtun, greifen wir zu kurz und verpassen damit wichtige Chancen, genauer hinzusehen, um mit unserem Kind in ein tieferes Verständnis und einen vertrauensvollen Kontakt zu kommen. Denn jedes harte „Nein!“, jeder Wutausbruch, jedes frustrierte Schreien, Schlagen und Ausrasten ist ein authentisches Zeigen des Kindes, das uns die Chance bietet, unser Kind zu verstehen, ihm eine Menge wichtiger Fähigkeiten mitzugeben und die Verbindung zu ihm zu stärken.

Wieso rastet das Kind aus?

Im Buch „Kinder verstehen“ von Herbert Renz-Polster wird beschrieben, warum es Phasen im Leben eines Kindes gibt, in dem es sich öfter abgrenzt, Nein sagt, seinen Willen durchsetzen will und schnell in die Wut gerät. Dieses Verhalten ist evolutionär gesehen dafür da, um das Kind zu schützen. Wenn die Stillzeit vorbei ist und die Nähe zur Mama weniger wird, entwickelt sich die existenzielle Angst, nicht mehr genug Aufmerksamkeit, Liebe und Unterstützung zu bekommen. Besonders, wenn dann noch ein Geschwisterkind dazukommt, wird die Angst vor dem Mangel an Ressourcen instinktiv noch größer. Daher entwickelt das Kind Strategien, um sicherzustellen, dass es gehört und gesehen wird und bekommt, was es braucht. Noch fehlen die sprachlichen Mittel, um sich wirklich verständlich zu machen sowie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle, um anders mit seiner Hilflosigkeit und Angst umzugehen. 

Ein Ausrasten des Kindes ist also ein Versuch, seine Existenz zu sichern! Es tut sein Bestes, was ihm möglich ist, um zu überleben. Wenn wir uns das auf der Zunge zergehen lassen, können wir einfacher Verständnis und Mitgefühl für die kindlichen Reaktionen aufbringen.

Typische Reaktionen von Eltern, die ich auf keinen Fall empfehlen würde: 

Es gibt eine Menge Eltern, die sich aus Mangel an Alternativen, Hilflosigkeit und Unsicherheit bestimmter Mittel bedienen, die ich nicht empfehlen würde. Welche das sind und warum ich sie nicht für sinnvoll erachte, erfährst du hier: 

- Hart werden und zwingend konsequent sein: Das schadet der Beziehung und bricht meist auch Elternherzen!

-  Kleinreden, beschwichtigen, niederreden nach dem Motto „Das ist doch nicht so schlimm!“ – für das Kind ist es wie erklärt eine existenzielle Bedrohung, auch wenn es für Erwachsene unverständlich scheint

-  Frust und Ärger vermeiden, indem ich über meine eigenen Grenzen gehe und Zugeständnisse mache, mit denen ich eigentlich nicht einverstanden bin – das Kind braucht Gelegenheiten, um den Umgang mit Frustration zu lernen!

- Schimpfen und selbst ausrasten ­­– das Kind tut sein Bestes, es macht das nicht bewusst und hat keine anderen Strategien zur Verfügung!

- Logik, erklären, rechtfertigen, Argumente bringen usw. – das Kind kann das meist in seinem Schmerz nicht hören.

- Vergleiche, belehren, moralisieren, Vorwürfe machen z. B.: „Schau mal, die Leute schauen schon!“ oder „Schau, die anderen Kinder sind alle brav!“ oder „So verhält man sich als gutes Kind nicht!“ usw. – damit bringen wir dem Kind bei, sich nach außen zu orientieren und sich von Urteilen anderer abhängig zu machen.

- Sich schämen oder schuldig fühlen – es geht nicht um andere Leute, sondern um die Beziehung zu meinem Kind, das ist das Wesentliche.

Doch wie kann ich mit diesen vermehrten Wutphasen meines Kindes umgehen? Dabei gibt es verschiedene Phasen: Die Vorbereitung, das Verhalten während des Ausrastens und die Phase danach:

Die Vorbereitung – präventive Maßnahmen: 

Vorab ist es hilfreich, dem Kind im Alltag bereits Umgang mit Wut vorzuleben: Wenn wir selbst wütend sind und sinnvolle Strategien haben, damit umzugehen, können wir dem Kind ein Vorbild sein und es schaut sich ab, wie wir in Wut reagieren. Wie du sinnvoll mit deiner Wut umgehen kannst, kannst du im Konfliktnavigator erfahren. 

Außerdem hilft ein verbindendes Klima auf Augenhöhe zwischen Kind und Eltern: Statt ein hartes „Nein“ zu äußern, kann ich mit dem Kind in den Dialog gehen „Hmm, du willst also diesen Schokoriegel? Lass mal sehen. Was magst du denn daran? Dass er so schokoladig ist? Oder die Farbe? Oder hast du einfach Hunger?“ und auf Basis dieses Verständnisses über eine gemeinsame Lösung reden. Dabei bekommt das Kind ein Gespür dafür, worum es ihm wirklich geht und gleichzeitig biete ich dabei verschiedene andere Strategien an, um es in eine gewisse Flexibilität und Frustrationstoleranz zu begleiten. Das Kind soll merken: „Die Mama/Der Papa interessiert sich für meine Wünsche und sorgen dafür, dass wir einen Weg finden, mit dem auch ich zufrieden bin.“ Wie solch ein Klima in der Familie entstehen kann, erfährst du in meinem kostenlosen Onlinetraining: Einführung in die Gewaltfreie Kommunikation.  

Mitten drin – was tun, wenn das Kind bereits ausrastet? 

Wenn es bereits soweit ist, dass das Kind in seinen starken Emotionen steckt, ist es wesentlich, dem Kind seine Wut zu lassen. Die Haltung dahinter: „Die Wut ist völlig okay und darf da sein.“ Ich gestehe dem Kind seine Entwicklung zu. Es wird im Leben immer wieder scheitern und an die eigenen Grenzen stoßen und das ist vollkommen okay. Das Kind darf sich selbst erleben und spüren, auch in seiner Wut. Wenn ich es schaffe, gelassen mit der Wut zu sein und meinem Kind zu zeigen, dass ich es auch in solchen Momenten annehme, wie es ist, kann es wirklich lernen, sich selbst und seine Gefühle anzunehmen. Durch Empathie kann ich dem Kind diese Haltung ausdrücken, z. B. : „Ja, ist jetzt ganz schlimm für dich? Bist du total wütend? Das ist okay, du darfst wütend sein! Wir stehen das zusammen durch, ich bin für dich da!“

Wie du lernen kannst, eine gelassene und empathische Haltung auch in schwierigen Momenten zu leben, erfährst du im Konfliktnavigator.

Ganz wesentlich ist dabei, mich und andere zu schützen. Wenn das Kind ausrastet, wegrennen will, Dinge kaputt macht, schlägt, beißt oder spuckt, ist es wichtig, die eigenen Grenzen und die anderer zu schützen. Ich biete dem Kind Möglichkeiten, die Wut aktiv auszuleben, die für mich okay sind. Zum Beispiel: „Ich mag nicht, wenn du haust, aber du darfst gerne meine Hand ganz feste drücken!“ oder „Für mich ist okay, wenn du einmal bis zum hintere Regal und wieder zurück rennst!“ oder „Du darfst draußen so laut schreien, wie du magst und ganz feste stampfen!“ usw.

Wenn ich kein Vertrauen habe, dass das Kind diese Grenzen wahrt, kann ich es notfalls gegen seinen Willen auf den Arm nehmen und dabei in liebevoller Haltung Empathie geben.

Nachbereitung als Vorbereitung für den nächsten Konflikt:

Danach empfehle ich in Übereinstimmung mit Herbert Renz-Polster keine langen Diskussionen danach, nicht lange nachbereiten, sondern einfach wieder in den Alltag überzugehen.

Der Schlüssel, wirklich nachhaltig mehr Leichtigkeit in solche Momente zu bringen, ist eine gewisse Grundhaltung und ein bestimmter Umgang mit dem Kind die Basis für ein liebevolleres Miteinander auf Augenhöhe. Wie du das immer mehr leben und in deinen Alltag integrieren kannst, erfährst du in meinem kostenlosen Onlinetraining: Einführung in die Gewaltfreie Kommunikation.

Vom Ausrasten zur Selbstliebe

Wenn wir es schaffen, konstruktiv mit der Wut des Kindes umzugehen, haben wir dem Kind extrem wichtige Fähigkeiten und Erkenntnisse für sein Leben mitgegeben. Ausraster können hilfreich sein, um die Frustrationstoleranz des Kindes zu stärken. Es lernt, dass es für sich einstehen darf, gemeinsam ein Weg gesucht wird, mit dem alle zufrieden sind, und dass das nicht immer gelingt. Das Kind versteht, welche Bedürfnisse hinter den Wünschen stecken und lernt, flexibel für verschiedene Strategien zu deren Erfüllung zu werden. 

Außerdem merkt das Kind, dass es willkommen und geliebt ist, auch wenn es nicht so ist, wie andere es gerne hätten. Dadurch erlangt es das Vertrauen, dass es so sein darf, wie es ist. Es kann sich selbst und die Wut annehmen und lieben lernen und damit auch mit starken Emotionen sinnvoll umgehen. Die Verbindung zu den Eltern wird extrem gestärkt, da diese auch dann da sind, wenn das Kind sich anders verhält, als sie es gerne hätten – es erfährt bedingungslose Liebe, die es für das gesamte weitere Leben stärkt.

Wenn du lernen willst, solche Ausraster und Frustsituationen nutzen können, um deinen Kindern das zu vermitteln, dann schau dir das kostenlose Onlinetraining zur Einführung in die Gewaltfreie Kommunikation an oder steige direkt zum Wohlfühlpreis in den Videokurs  ein, in dem ich dich ganz ausführlich und mit persönlicher Unterstützung sowie kleinen, liebevollen Erinnerungen auf den Weg in ein leichteres, liebevolleres Miteinander begleite. 

Hinterlasse ein Kommentar: Was hat dich an diesem Blogpost am meisten Inspiriert? Wo fällt es dir noch schwer mit der Wut deines Kindes umzugehen? 

Tassilo
 

  • Alexander sagt:

    Hört sich gut an aber wie gelingt es mir so entspannt und verständnisvoll zu reagieren ?!?

  • AnRy sagt:

    Ein sehr schöner Artikel, vielen lieben Dank. Ich erkenne, an welchen Stellen ich noch arbeiten muss und an welchen Stellen ich schon recht weit gekommen bin. Allerdings, und es interessiert mich sehr, wie du das siehst, würde ich aus der Erfahrung mit meinem Kind heraus sagen, dass Gespräche nach einem Wutausbruch über die Wut selber sehr hilfreich sein können. Mein Kind sagt beispielsweise nach seinem großen inneren Zerwürfnis:“ Mama, jetzt bin ich wieder lieb.“ Ich selber habe mit ihm nie in Kategorien wie lieb oder böse „gearbeitet“ und doch finde ich es in den Zusammenhang ganz wichtig, ihm zu vermitteln, dass er immer lieb ist, im Sinne von „du verhältst dich immer lieb“. Und dass die Wut in ihm nichts damit zu tun hat, dass er ein „liebes Kind“ ist. Wir sprechen im Nachgang noch einmal darüber, ob es ihm geholfen hat, eine Kissenschlacht zu machen oder ich lobe ihn dafür, dass er es trotz Wut geschafft hat, einfach nur ganz feste auf meine Hand zu hauen, statt den Hund 🙂
    Es scheint ihm auch wichtig zu sein, sich nach der Situation noch einmal zu reflektieren, auch das Chaos, das er angerichtet hat. Natürlich dauern diese Gespräche keine halbe Stunde, aber sobald ich merke, dass er wieder „klar denken“ und sich in seinen Worten ausdrücken kann, versuchen wir nach der Wut im Bauch zu überlegen, woher sie kam, was das Gefühl ausgelöst hat und was wir im Vorfeld beim nächsten Mal tun können. Auch ist er direkt im Anschluss in der Lage zu verstehen, warum er sich zB zum Schlafen etwas Warmes anziehen muss, wenn es die Temperaturen draußen ein Schlafen in kurzem Schlafanzug nicht mehr zulassen. Ein Gespräch im Anschluss würde ich immer einem direkten Übergang in den Alltag vorziehen. Liebe Grüße

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